Gedanken der Wüste: Erwachtes-Sein

Ein Nach-Ostergruss aus der Sahara … (geschrieben 19.04.2017)
Heute kommen die „Erwachsenen“ aus drei Tagen Stille „mit sich sein“ zurück.
Mit den Youngsters haben wir (Amithra und ich) in der Zeit feine Tage des Erforschens verbracht. Wir durften erkennen, welche Rolle jedes der Kinder und Jugendlichen im Familiensystem einnimmt und gemeinsam ganz praktisch untersuchen, ob diese Rolle noch stimmt oder sich ändern darf. Der neue Platz im System ist bereit und es wurde klar, dass es keinen Grund gibt, zu warten bis die Eltern ihre Schritte machen. Ab etwa sechs Jahren gibt es bereits ein Stück Unabhängigkeit und ab 16 steht die junge Frau, der junge Mann auf seinen eigenen Füssen und die Familie ist dann eine Gemeinschaft auf Augenhöhe an sich. Wenn dies noch nicht der Fall ist, was braucht es, damit aus Kindern selbst stehende junge Erwachsene werden? Die Frage ist, wann ist es Zeit? Was steht noch im Wege? Und auch: was braucht es, damit aus unselbstständigen Erwachsenen „selbst-stehende“ Erwachsene werden?

Die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag war ein Erinnern: die letzte Nacht Jesus auf dem Ölberg. Seine letzte Nacht vor dem Kreuz-Ritual. Da war Angst, Schmerz, Allein-Sein. Er bat seine Jünger, für ihn da zu sein, den Raum zu halten. Als er auf den Berg ging, meditierte und betete, spürte er, dass sie nicht mit ihm waren. Jesus ging runter, fand sie schlafend und war betroffen. Wiederum bat er sie, “Seid da wachet, mit mir!“. Und wieder schliefen sie. Sie verstanden nicht wirklich, was er wollte. Immer war er für sie da und es war nicht in der Vorstellung der Jünger, dass sie jetzt für ihn da sein sollten. Das war für sie unbekannt, sie hatten es noch nicht gelernt. Er erwartete etwas, das sie nicht erfüllen konnten. Er war bisher immer der Lehrer, der starke Begleiter. Jetzt war er in der Rolle des Bedürftigen. Diesen Sprung schafften sie nicht.
Wo machen wir das im Leben – erwarten etwas, was die Anderen gar nicht, oder noch nicht erfüllen können? Wir fühlen uns dann verraten, verlassen. Und es ist der Managementfehler Nummer eins: Zuviel voraussetzen. Wir denken, der andere müsste das doch können. Alles weist darauf hin, dass er es nicht kann, oder noch nicht. Wir unterstellen Vorsatz und wollen es nicht wahr haben, sind vorwurfsvoll… Und die Lösung? Im Gewahr Sein wahrnehmen, wo die Anderen wirklich sind und das akzeptieren. Sehen, wer ist in unserem Feld, der für uns wirklich da sein und uns begleiten kann. Wer in unserem Feld sieht das „Mehr“? Wer sieht, was wahr ist oder Projektion und kann somit spiegeln, hinweisen? Oder haben wir alle, die das könnten, weggeschickt? Wenn ja, wen wollen wir einladen, um uns wertvolle und auch „störende“ Gegenüber, Begleiter zu gönnen? Es geht darum, unsere Projektionen, unser Vermeiden aufzudecken und zu erkennen, was wirklich ist und wie wir uns von dem Sein in Liebe, dem Sein-in-Fülle trennen – und es immer mehr Sein lassen, Da-Sein lassen – das Sein-in-Liebe. Und der Schlüssel im Sein: Jesus bat „Herr lass diesen Kelch an mir vorüber gehen“. Wir kennen das: muss diese Übung wirklich sein, warum, wozu … womit hab ich das verdient? Und die Erlösung? Der Araber hier sagt Inschallah – „so Gott will.“ Jesus sagte: „Aber nicht mein Wille geschehe“, nicht der des kleinen Menschleins, nein „der Wille geschehe“, das was im großen Plan bereit ist. Das ist Hingabe und Gelassenheit.

Die Einladung einiger in der Retreat-Gruppe an die Wüste war: Neue Gelassenheit. Ge-lassen-heit. Welch ein wunderbares Wort: Ein JA, zu dem was ist, es annehmen – es so lassen können, wie es ist. Und aus diesem Ja zu dem, was ist, aus dem Lieben was ist, entfaltet sich das Neue. Ein Nein, zu dem was ist, das Bekämpfen von dem was ist, das es weghaben wollen, stärkt und füttert das, was wir ablehnen. Das „JA“, zu dem was ist öffnet die Tür zur Wandlung, zur Transformation. So einfach? Ja.
Herzensgruß aus der Wüste.

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